Kurzbericht zur Online-Veranstaltung: „Verschwörungsgläubige zwischen Weltanschauung und extremer Rechte“

Bei der Online-Veranstaltung am 3.9.2020 handelte es sich um einen  Dialog zwischen Ausstiegs- und Distanzierungsberatung aus rechten Zusammenhängen und Beratung für Sekten- und Weltanschauungsfragen“.

Das Thema Verschwörungsideologie oder Verschwörungserzählungen ist zurzeit ein virulentes und auch für die Koordinierungsstelle des Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus war diese nicht die erste und vermutlich nicht die letzte Veranstaltung zum Thema. 2018 und 2019 hat ein an der Cambridge University angegliedertes Institut ein Survey zum Thema Verschwörungsglauben innerhalb der EU durchgeführt. Mit drei Beispielen aus dieser Befragung wurde die Veranstaltung durch die Moderatorin eingeführt: 2018 glaubten 35% der Deutschen, dass ihre Regierung absichtlich die Wahrheit darüber verheimlicht, wie viele Migrant*innen in Deutschland leben. Damit lag Deutschland an zweiter Stelle im Ländervergleich. Ein Jahr später konnte erhoben werden, dass 18% der Deutschen glaubten, dass die negativen Nebenwirkungen von Impfungen der deutschen Bevölkerung absichtlich vorenthalten werden. 21% glaubten, dass unabhängig von der aktuellen Regierung eine einzelne Gruppe existiert, die im Geheimen die Welt kontrolliert[1]. Diese drei Zahlen zeigen, dass Verschwörungserzählungen relativ weit verbreitet sind in unserer Gesellschaft. Sie zeigen auch, dass Vorstellungen einer Verschwörung auch unabhängig von Corona vorhanden sind, auch wenn sie aktuell vielleicht lauter und ungehemmter geäußert werden. Das Wort „absichtlich“ ist der Hinweis auf ein Kernelement von Verschwörungserzählungen: Die Überzeugung, dass es eine Verschwörung gibt und ein Geheimwissen, über das nur eine sehr kleine Gruppe Bescheid weiß. Mit diesen Schuldzuweisungen, dass es also diese kleine Gruppe mit großer Macht und bösen Absichten gibt, verleihen Verschwörungserzählungen der Willkür, Unsicherheit und Unwissen (wie im Falle der aktuellen Pandemie) eine Absicht, Bedeutung und einen Grund. Verschwörungsgläubige sehen Muster, wo keine sind und wollen das Unerklärliche erklären.

Die Ergebnisse der Studie zeigen auch das Gefahrenpotential von Verschwörungserzählungen auf:

  1. Auch wenn sie vielleicht nicht immer ganz eindeutig so formuliert werden, sind die meisten Verschwörungserzählungen zumindest anschlussfähig an Antisemitismus und Rassismus, in dem sie einer bestimmten Gruppe eine besondere Niedertracht oder geheimnisvolle Macht über die Welt zuschreiben.
  2. Verschwörungserzählungen drücken ein Misstrauen in demokratische Prozesse aus und führen in ihrer Konsequenz zu Apathie und Rückzug aus demokratischen Beteiligungsprozessen oder sogar zu ihrer aktiven Ablehnung und Angriff. Wie Ronen Steinke in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung schreibt: „Was diese Gruppen eint, ist nicht ein Rezept, wie man die Welt besser macht. Sondern eine Erklärung dafür, warum die Welt schlecht ist. Ein Feindbild“ [2].
  3. Es geht ganz direkt eine gesundheitliche Gefährdung, von denjenigen aus, die z.B. keine Maske tragen, oder sich und ihre Kinder prinzipiell nicht impfen lassen.

Wenn Menschen, z.B. Angehörige von Verschwörungserzählenden oder diejenigen, die selbst aus diesen Zusammenhängen aussteigen wollen, zu dem Thema Verschwörungsideologie Rat suchen, finden sie in Hamburg keine Beratungsstelle, die explizit zum Thema Verschwörungsideologie berät. Sie wenden sich dann an Beratungsstellen, die zum Themenfeld extreme Rechte und Rassismus beraten oder eben auch zum Bereich Sekten- und Weltanschauungsfragen.

Am 03.09.2020 fand in Kooperation mit der Diakonie Hamburg ein Webtalk zum Thema Verschwörungsideologie mit Silke Gary von Kurswechsel, dem Beauftragten für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Dr. Matthias Pöhlmann und Jörg Pegelow von der Arbeitsstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Nordkirche aus Hamburg statt. In einem Dialogformat tauschten sich die drei Referierenden aus der Perspektive ihres jeweiligen beraterischen Kontextes aus.

Kurswechsel berät Menschen, die sich von extrem rechten Zusammenhängen und Einstellungen distanzieren wollen und unterstützt diese in ihrem Prozess. Das Projekt bietet auch Bildungs- und Beratungsangebote für Fachkräfte und Multiplikator*innen sowie für Angehörige rechtsorientierter Menschen. Seit 50 Jahren gibt es die Stelle des Beauftragten für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. In dieser Funktion berät und informiert Matthias Pöhlmann nicht nur im Feld verschiedener Weltanschauungen, sondern auch zu Phänomenen wie Esoterik, extreme Rechte, Verschwörungsideologien, Impfgegner*innen und Corona-bezogene Verschwörungserzählungen. Herr Pöhlmann ist auch publizistisch in diesem Themenfeld tätig. Die Arbeitsstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Nordkirche aus Hamburg wurde 2011 eingerichtet und Herr Pegelow deckt in seiner beraterischen Tätigkeit ähnliche Bereiche ab, so wie auch christlichen Fundamentalismus und wird auch bei Fragen in Bezug auf Sorgerechtstreitigkeiten und Kindeswohlgefährdung zu Rate gezogen.

Der Begriff Weltanschauung wird dem der Sekte bevorzugt, nicht nur aufgrund des abwertenden Charakters, aber auch weil beide Weltanschauungsbeauftragten eine Tendenz weg von formellen Zugehörigkeiten zu Organisationen hin zu einer Individualisierung und Pluralisierung von Weltanschauungsangeboten beobachten, die nicht zwingend religiös begründet sind. Ähnlich berichtet Silke Gary davon, dass der Begriff Distanzierung eher die Realität „fluider Zugehörigkeiten“ trifft, also von Menschen in offeneren rechten Zusammenhängen, die weniger einer bestimmten Szene zuzuordnen sind. Diese Beratungsfälle zeichnen sich eher durch rechte Ideologien und Einstellungen aus, wie der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Das Beratungsziel ist eine Hinwendung zu einer demokratischen Lebensweise und eine Absage von Gewalt bei den Distanzierungswilligen zu erzielen.

Im Falle von Anhänger*innen von Verschwörungserzählungen wurde beschrieben, dass diese Gruppen schwer voneinander abgrenzbar sind und sich selbst auch demonstrativ nicht von der extremen Rechten abgrenzen. Der Organisator der „Querdenken“ Demonstrationen, Michael Ballweg, der bereits durch NS-relativierende Äußerungen aufgefallen ist[3], konstatiert beispielsweise, dass seine Bewegung sich nicht spalten ließe, nicht in links und nicht in rechts[4]. So ergeben sich Berührungspunkte zwischen unterschiedlichen Gruppen, wie Impfgegner*innen, Esoteriker*innen, Corona-Leugner*innen, „Reichsbürgern“ und der extremen Rechten. Durch diese Zusammenhänge hinweg wird breit mobilisiert für Demonstrationen, Kundgebungen und anderen Aktionen, die eine Minderheit medial sehr sichtbar in Szene setzt. Vermutungen, dass die Corona-Leugner*innen-Demos erst mit der Zeit von der extremen Rechten „unterwandert“, oder „gekapert“ würden, widersprachen die drei Diskutierenden, da sie eher beobachteten, dass Personen und Zusammenhänge der extremen Rechten sich von Beginn an beteiligten.

Was dieses obskure Bündnis vereint, ist ihre Vorstellung eines Kampfes gegen „die da oben“ und den „dunklen Mächten“, gegen die sie sich vermeintlich wehren, im Sinne eines „Wir gegen die anderen“. Die Basis dieser Vorstellung ist „hyperrational“, wie Matthias Pöhlmann erklärt und begründet sich nicht auf Fakten, sondern auf Misstrauen und Hass. Auf den Demonstrationen und den Chatgruppen in den Sozialen Medien geht es nicht um Lösungen, sondern darum herauszustellen, dass die Anhänger*innen der Verschwörungserzählungen keine „Schlafschafe“, sondern die Wissenden sind und damit eine Art Elite bilden. Hier, so die beiden Weltanschauungsbeauftragten, besteht eine wichtige Schnittmenge zu anderen (esoterischen) Weltanschauungen.

Die Diskutierenden kamen nicht zu einer eindeutigen Antwort auf die Frage, ob alle Verschwörungserzählungen per se antisemitisch seien. Alle sahen jedoch, dass selbst die scheinbar „harmlosen“ Erzählungen, wie beispielsweise die, die den Tod von Elvis oder Lady Diana oder die Mondlandung in Frage stellten, ein Einfallstor sein können, für eindeutig antisemitische oder rassistische wahnhafte Deutungsmuster.

Auch die Rolle des Internets bei der Vernetzung verschiedener verschwörungsideologischer Gruppierungen und auch der Radikalisierung von Einzelpersonen wurde diskutiert. So berichtete einer der Weltanschauungsbeauftragten von einem Kongress der „alternativen Medien“. Auf Einladung der AfD tauschten sich im Jahr 2019 rund hundert Vertreter*innen der rechten Medienlandschaft aus. Beliebte Social Media Plattformen für den Austausch und die Verbreitung rechter und verschwörungsideologischer Inhalte und Aufrufe sind der Messenger Dienst Telegramm und in Anlehnung an die Plattform Facebook, das russische Netzwerk VKontakte (VK). Menschen, die ihre Informationen ausschließlich von diesen einschlägigen Kanälen und Kontakten beziehen, bestätigen ihr bereits bestehendes Weltbild und sind nur noch schlecht über seriöse Medien zu erreichen, denen sie aus Prinzip misstrauen. Silke Gary berichtete von einem Beratungsfall, bei dem die Kontakte dieser Person in die verschwörungsideologische und rechte Szene nur aus Messenger-Kontakten bestand. Die drei Diskutierenden waren sich einig, dass die Sozialen Medien lange nicht ernst genug genommen wurden. Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie hatten sogenannte alternative Medien wie die Kanäle von Heiko Schrang (SchrangTV) und Ken Jebsen (KenFM) enorme Zuwachsraten zu verzeichnen.

Individuelle Gründe für die Zuwendung zu Verschwörungserzählungen sind laut Silke Gary nicht monokausal. Ängste, Verunsicherungen, Krankheiten, Verlust von Vertrauen in das politische System und Ohnmachtserfahrungen können Ausgangspunkte sein. Die Teilnahme an einer der großen Corona-Leugner*innen-Demos können von diesen Personen als Selbstermächtigung erlebt werden. Beim Thema Gesundheit kann das Misstrauen gegenüber der anerkannten Medizin ein Auslöser sein, Verschwörungserzählungen attraktiv zu finden, ergänzt Jörg Pegelow. Dieses Misstrauen wird zusätzlich durch Publikationen des Kopp-Verlags befördert, die beispielsweise Untergangszenarien sowie Angst verbreiten und einen Anschluss an rechte Einstellungen bieten. Gegen dieses Bedrohungsgefühl und die Angst schützt Bildung nicht, bringt Jörg Pegelow es auf den Punkt. Das Gefühl, die Welt sei gegen mich, kann wiederum zu Gewalt führen.

Aus der Erfahrung ihrer beraterischen Praxis leiteten Silke Gary, Matthias Pöhlmann und Jörg Pegelow allgemeine Hinweise für den Umgang mit Verschwörungserzählungen ab. Als Angehörige oder Nahestehende von Verschwörungserzählenden findet immer wieder ein Abwägen statt zwischen Kontakt und Abgrenzung von der verschwörungserzählenden Person. Durch das Aufrechterhalten des Kontaktes behält die jeweilige Person noch einen „Fuß in der Außenwelt“. Auch wenn die Meinung der verschwörungserzählenden Person nicht akzeptiert werden sollte, rät Jörg Pegelow dennoch „respektvoll im Kontakt“ zu bleiben. Gemeinsam kann nach Hinwendungsmotiven gesucht werden. Mit Zweifelnden können Fakten gecheckt werden. Mit „fest Gläubigen“ hilft es auf die persönliche Ebene zu gehen, statt sich in Diskussionen verwickeln zu lassen.

Auch wenn das Aufrechterhalten des Kontaktes zur verschwörungserzählenden Person eine Chance sein kann, ist es wichtig, sich selbst abzugrenzen. Es sollten Grenzen und Regeln für den Umgang mit der Person und Exit-Strategien für sich als Selbstschutz entwickelt werden. Der Prozess der Distanzierung von Verschwörungserzählungen und verschwörungsideologischen Zusammenhängen ist ein langer Prozess und beinhaltet viele „Irritationsmomente“, erklärt Silke Gary.

Zum Schluss setzten die Ausstiegsberatenden den Begriff Ambiguitätstoleranz der Verschwörungsideologie entgegen. Sie betonten, die Wichtigkeit unterschiedliche Meinungen und Perspektiven aushalten zu können. Die Akzeptanz von Mehrdeutigkeiten anstatt Schubladendenken und Vereindeutigung sowie das Sehen von Schattierungen anstelle von einem schwarz-weiß kann als Prävention von Verschwörungserzählungen verstanden werden.

Kontakt:

Koordinierungsstelle Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus Hamburg

bnw-hamburg@lawaetz.de

 

[1] Die Ergebnisse der YouGov  von 2018 und 2019 können hier auf Englisch eingesehen werden: https://yougov.co.uk/topics/politics/articles-reports/2019/05/03/which-conspiracy-theories-do-populists-believe

[2][2] Der Kommentar von Ronen Steinke in der Süddeutschen Zeitung vom 31.8.2020 ist hier nachzulesen: https://www.sueddeutsche.de/politik/bundestag-demonstranten-corona-1.5015614

[3] Ein Artikel zum Gründer der Querdenken Initiative ist bei Belltower News der Amadeu-Antonio-Stiftung zu finden: https://www.belltower.news/querfront-in-stuttgart-initiator-von-querdenken-demo-verbreitet-verschwoerungstheorien-und-ns-relativierung-99191/

[4] Ebenfalls bei Belltower News ist dieser Artikel zu Querdenken und der Nähe zur extremen Rechten und zur „Reichsbürger“ Szene nach den medial sehr präsenten Demonstrationen in Berlin am 29.8.2020 erschienen: https://www.belltower.news/querdenken-711wieviel-reichsdenken-steckt-im-querdenken-104063/

 

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